ArtCraft: Hat KI gerade Adobes Creative Suite geklont

Wird Softwareentwicklung für immer verändert?

Stell dir vor, du öffnest ein Programm, das aussieht wie Photoshop, sich anfühlt wie Photoshop und sogar PSD-Dateien öffnet, aber kein Adobe-Produkt ist, keine Subscription braucht und als Open Source auf GitHub liegt. Klingt erst mal nach einem klassischen Internet-Mythos. Doch in den vergangenen Tagen ist genau das passiert: Der Entwickler Brandon Thomas hat mit ArtCraft sieben kostenlose, quelloffene Alternativen zu bekannten Adobe-Anwendungen veröffentlicht. Die Schlagzeile „Adobe wurde dekompiliert und als Open Source freigegeben“ ist allerdings falsch. Die Wahrheit ist fast noch spannender: KI hat keine Adobe-Software geklont, sondern in extrem kurzer Zeit neue Software nachgebaut.

Was ist ArtCraft überhaupt?

ArtCraft ist ein Sammelprojekt für mehrere in Rust geschriebene Kreativ- und Produktivitäts-Apps. Der Entwickler Brandon Thomas sagt, er habe die Anwendungen maßgeblich mit Claude Opus 5.5 von Anthropic erstellt und sie anschließend kostenlos auf GitHub veröffentlicht.

Die Adobe-orientierten Projekte heißen:

ArtCraft-AppAdobe-VorbildZweck
PhotoCraftPhotoshopBildbearbeitung, Ebenen, Masken, PSD-Handling
VectorCraftIllustratorVektorgrafiken und Illustration
FilmCraftPremiere ProVideoschnitt und Timeline-Editing
LightCraftLightroomFoto-Workflow und Bildentwicklung
EffectCraftAfter EffectsMotion Design und Compositing
DesignCraftInDesignLayout und Printdesign
PdfCraftAcrobatPDF-Bearbeitung und Dokumenten-Workflows

Die Apps laufen lokal auf Windows, macOS und Linux; teilweise gibt es auch WebAssembly-Versionen für den Browser. Der Code steht unter MIT- beziehungsweise Apache-2.0-Lizenzen.

Nein, Adobe wurde nicht dekompiliert

Hier liegt der wichtigste Punkt und genau der wird in vielen viralen Posts verdreht.

ArtCraft wird vom Entwickler als „clean-room replacement“ beschrieben. Das bedeutet: Die Software soll bekannte Funktionen und Workflows neu implementieren, ohne Adobe-Quellcode zu kopieren. Die Projektmaterialien weisen Contributor sogar ausdrücklich an, Adobe-App-Bundles nicht zu inspizieren oder zu disassemblieren.

Ein Decompiler kann außerdem keine verlässliche 1:1-Rückübersetzung von Maschinencode in ursprünglichen Quellcode liefern. Kompilierung entfernt Informationen, optimiert Code und verändert Strukturen. Deshalb ist „Adobe wurde dekompiliert und als Open Source veröffentlicht“ technisch und rechtlich eine sehr riskante Vereinfachung.

Realistischer ist diese Einordnung: ArtCraft ist eine KI-gestützte, offene Neuimplementierung mit starkem Adobe-Bezug, kein geleakter und kein dekompilierter Adobe-Code.

Warum die Story trotzdem groß ist

Die eigentliche Nachricht ist nicht: „Adobe ist tot.“ Die Nachricht lautet: Ein einzelner Entwickler kann mit KI-Coding in wenigen Tagen Software bauen, die früher Monate oder Jahre an Engineering-Arbeit bedeutet hätte.

Thomas nutzte Claude Opus 5.5, um Grundarchitektur, Benutzeroberflächen, Datei-Handling, Filterlogik und Export-Pipelines in Rust zu erstellen. Das Ergebnis ist beeindruckend, weil es nicht um kleine Demo-Apps geht, sondern um komplexe Desktop-Software mit Dateiformaten, Ebenen, Timelines, Rendering und Export.

Die Resonanz war entsprechend enorm. Innerhalb weniger Tage sammelten die ArtCraft-Projekte laut Auswertungen über 86.000 GitHub-Stars; PhotoCraft allein lag bereits bei rund 50.000 Sternen. Das zeigt: Der Nerv ist getroffen. Nicht unbedingt, weil alle sofort zu ArtCraft wechseln, sondern weil viele Menschen frustriert sind von Abos, Kündigungsgebühren, Cloud-Zwang und der Abhängigkeit von wenigen Software-Riesen.

Was funktioniert und was nicht

Jetzt kommt der evidenzbasierte Teil. Denn zwischen „sieht aus wie Photoshop“ und „ersetzt Photoshop im Profi-Alltag“ liegt ein gewaltiger Unterschied.

PhotoCraft ist derzeit das am weitesten entwickelte Projekt. Es kann laut Projektangaben PSD- und PSB-Dateien öffnen und speichern, arbeitet mit Ebenen, Masken, Anpassungsebenen und Brush-Engines. Auch Menüstrukturen sind weitgehend vorhanden: Berichten zufolge sind 625 Photoshop-Menüpunkte an Befehle angebunden.

Aber: Thomas selbst beziffert die Pixel-Übereinstimmung von PhotoCraft nur mit etwa 65 Prozent. Und bei Filtern wird die Lücke besonders sichtbar. In Tests sollen von 30 Filterfällen nur fünf exakt mit Photoshop übereingestimmt haben.

Bei FilmCraft sieht es ähnlich aus. Multi-Track-Editing, Color Grading und Export sind grundsätzlich möglich. Doch einzelne Effekte und Farbprozesse laufen noch auf der CPU, was bei längeren Projekten oder hohen Auflösungen schnell zum Performance-Problem wird. Professionelle Plugin-Ökosysteme wie VST3, Audio Units oder OpenFX werden aktuell nicht unterstützt.

Thomas selbst bezeichnet die Apps als frühe Alpha und sagt, sie seien „not anywhere close to ready“. Er lädt Entwickler ein, Bugs zu melden und mitzuarbeiten und bietet Bug-Bounties an.

Die rechtliche Grauzone

Auch wenn ArtCraft kein Adobe-Quellcode enthält, ist die rechtliche Lage nicht einfach abgehakt.

Adobes Allgemeine Nutzungsbedingungen verbieten unter anderem Reverse Engineering, Dekompilierung, Disassemblierung sowie die Nutzung von Adobe-Software, -Daten oder -Ausgaben, um KI-Systeme direkt oder indirekt zu erstellen, zu trainieren, zu testen oder zu verbessern.

Das heißt nicht automatisch, dass ArtCraft rechtswidrig ist. Entscheidend wären Faktoren wie:

  • Wurde tatsächlich Adobe-Software oder Adobe-Ausgabe verwendet, um das KI-System zu trainieren oder zu verbessern?
  • Sind Benutzeroberfläche, Icons, Workflows und Terminologie zu stark nachgeahmt?
  • Sind Drittanbieter-Assets, Schriften, Presets oder Testdateien sauber lizenziert?
  • Gelten regionale Ausnahmen, etwa für Interoperabilität?

Eine klare gerichtliche Entscheidung dazu gibt es bislang nicht. Die Projektunterlagen beschreiben eine Clean-Room-Strategie, aber das ist eine Position, kein rechtliches Urteil.

Warum das für Kreative relevant ist

Für Designer, Fotografen, Videomacher und Agenturen ist ArtCraft vor allem ein Experiment, aber ein wichtiges.

Die spannende Frage ist nicht, ob PhotoCraft morgen Photoshop ersetzt. Die spannende Frage ist, ob wir bald lokale, offene, KI-native Kreativ-Tools bekommen, die keine Subscription brauchen, keine Cloud-Pflicht haben und per API oder MCP von KI-Agenten gesteuert werden können. ArtCraft soll laut Berichten Control-Ports, JSON-Batch-Schnittstellen und MCP-Server unterstützen. Damit könnten KI-Agenten Dateien öffnen, Ebenen bearbeiten, Parameter setzen und Exporte auslösen, ohne dass ein Mensch jede Aktion manuell klickt.

Genau hier liegt das eigentliche Potenzial: nicht der Photoshop-Klon, sondern die automatisierbare Kreativ-Software. Stell dir vor, ein Agent erstellt aus einem Kundenbriefing mehrere Layoutvarianten, bereitet Bildmaterial vor, exportiert Web- und Print-Versionen und dokumentiert dabei jeden Schritt. Das ist deutlich relevanter als die Frage, ob ein Filter exakt wie in Photoshop aussieht.

Unser Fazit

ArtCraft ist kein Adobe-Killer. Wer professionell mit Kunden arbeitet, komplexe PSDs pflegt, Farbmanagement braucht, Plugins nutzt oder zuverlässige Exporte liefert, sollte derzeit nicht vorschnell wechseln. Die Apps sind früh, fehleranfällig und weit von echter Feature-Parität entfernt.

Aber die Story ist trotzdem ein Wendepunkt. KI-Coding hat gezeigt, dass Software-Entwicklung nicht mehr zwingend große Teams, lange Zyklen und Milliardenbudgets braucht. Ein Entwickler, ein leistungsfähiges Modell und eine klare Vision können in Tagen etwas bauen, das weltweit Aufmerksamkeit bekommt.

Unsere Meinung bei: Der Hype um „Adobe wurde geklont“ ist übertrieben. Die technische und kulturelle Bedeutung ist es aber nicht. ArtCraft beweist, dass KI nicht nur Inhalte erzeugt, sondern zunehmend komplette Software-Produkte baut. Gleichzeitig zeigt es die Grenzen: Ohne Stabilität, Kompatibilität, Sicherheit, Support und rechtliche Klarheit bleibt ein spannender Prototyp eben ein Prototyp.

Wer jetzt Adobe deinstalliert, handelt vorschnell. Wer die Entwicklung aber ignoriert, verpasst möglicherweise den Beginn einer neuen Ära: Software wird günstiger, offener, lokaler und stärker automatisierbar. Und genau daraus entstehen die nächsten echten Wettbewerber für Adobe, Microsoft und Co.

Bleib neugierig. Bleib informiert. Bleib voraus.

Teste ArtCraft ruhig selbst, idealerweise in einer isolierten Umgebung und nicht mit Kundendateien. Aber urteile nicht nach Screenshots oder viralen Videos. Schau auf Stabilität, Dateikompatibilität, Exportqualität, Datenschutz und die tatsächliche Zeitersparnis im Workflow.

Was denkst du: Ist ArtCraft der Anfang vom Ende teurer Software-Abos oder nur ein beeindruckender KI-Prototyp, der schnell wieder verschwindet?

Du hängst noch an deiner Adobe Creative Cloud, willst aber die hohen Preise nicht mehr bezahlen? Dann ist das ein super Zeitpunkt, um alternative Software und Kreativ-Tools kennenzulernen. Hier findest du ein aktuelles Angebot: Adobe-Alternative entdecken*.


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